Silzer Wissenschafterin setzt lateinische Akzente

Die Doktorarbeit der Silzerin Isabella Walser über einen Liebesroman der Habsburgerzeit wird von der Universität Freiburg bald publiziert.

 

Von Agnes Dorn

Innsbruck, Silz – Wer noch nie etwas von Neulatein gehört hat, der hat nach wissenschaftlichem Maßstab einiges verpasst. In Anbetracht der Tatsache, dass 95 Prozent aller überlieferten lateinischen Texte nicht aus der Antike oder dem Mittelalter stammen, sondern vielmehr in der lateinischen Sprache der Neuzeit verfasst sind, ist es verwunderlich, dass erst seit wenigen Jahren mit der Aufarbeitung dieses riesigen Textfundus begonnen wurde.

Die Silzerin Isabella Walser leitet am Ludwig-Boltz­mann-Institut eine eigene Forschungsschiene, die sich mit der Bedeutung der neulateinischen Literatur im Habsburgerreich befasst und dabei insbesondere die politische Rolle des Romans untersucht. Passend dazu hat sie auch das Thema ihrer Doktorarbeit gewählt, die gerade von der Universität in Freiburg angenommen wurde und sich mit dem 1687 veröffentlichten neulateinischen Liebesroman „Austriana regina Arabiae“ des bayerischen Rechtsgelehrten Anton Wilhelm Ertl befasst. Darin wird die Geschichte Europas zur Zeit des Habsburgerreiches unter Kaiser Leopold I., Frankreichs unter Ludwig XIV. und des Osmanischen Reiches unter Großwesir Kara Mustafa Pascha sowie die Rolle Österreichs in diesem Machtkomplex allegorisch als Liebesgeschichte erzählt. Jedes politische Ereignis in der damaligen europäischen Geschichte wird dabei auf die Liebesebene transformiert, wo in einer recht trivialen und beinahe kitschigen Geschichte der Kampf des Liebespaares Austriana und Aurindus gegen Königin Altomira von Babylonien und König Torvan von Indien erzählt wird. Austriana kann sich schließlich und endlich als rechtmäßige Herrscherin des allegorischen Frankreichs und Indiens behaupten. In propagandistischer Weise werden reale Gegebenheiten wie die Ungarnprobleme übergangen und ein Schwarz-Weiß-Bild des „guten“ und vereinten Habsburgerreiches gegen die „bösen“ und intriganten Franzosen und Osmanen geschaffen. „Der Roman hatte neben der recht schlichten Aufgabe, seine Leser mittels einer Liebesgeschichte zu unterhalten, die zentrale Funktion, eine supranationale Reichs­identität zu vermitteln, die über ethnische und kulturelle Grenzen hinweg die Treue zum Kaiser des Habsburgerreiches propagierte“, erzählt Isabella Walser ein zentrales Ergebnis der Recherche für ihre Dissertation. Interessant sei auch, dass die deutsche Übersetzung inhaltlich wesentlich trivialer gestaltet und der politischen Schärfe beraubt ist. Dies resultiert daraus, dass die Leserschaft der deutschen Übersetzung der „breiten Masse“ zuzurechnen ist, das neulateinische Original hingegen eher für die gebildetere Leserschaft geschrieben wurde.

Das 2011 gestartete Projekt des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Neulatein gliedert sich in die drei Forschungslinien Religion, Mentalität und Politik und untersucht unter diesen Aspekten die übernationale Bedeutung des Lateinischen im Habsburgerreichs. „Latein als progressive Kraft für das Europa der Neuzeit wird Forschungsschwerpunkt des zweiten Teils des Projekts sein, das noch bis 2018 geht“, betont die Leiterin der politischen Forschungsschiene Isabella Walser, die sich nach den Studien der Klassischen Philologie auf die Erforschung der neulateinischen Sprache spezialisiert hat. Man darf durchaus gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse die junge Wissenschafterin noch aus den verstaubten Archiven der vergangenen Jahrhunderte herausarbeiten wird.

 

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