"Stell’ dir vor, der Papst tritt zurück und keiner kriegt es mit"

Ivano Dionigi ist der Lateinexperte des Vatikans. Der frühere Hochschulrektor aus Bologna sieht sich als Bewahrer dieser toten Sprache. Ihm fällt dazu manch heitere Anekdote ein.

Von Markus Schramek

Innsbruck, Rom –Eine ketzerische Frage gleich zu Beginn kann vielleicht nicht schaden: Wozu also soll man sich heute noch mit der toten Sprache Latein herumschlagen?

Ivano Dionigi hat Solcherlei bei unserem Gespräch – im Nachhang seines Gastvortrages am Institut für Neulatein in Innsbruck – wohl erwartet. Typisch Medien eben. Der italienische Lateinprofessor, Ex-Rektor der angesehenen Universität von Bologna, reagiert gelassen, ändert kaum seinen Tonfall. Stattdessen erzählt Dionigi eine Anekdote aus dem Vatikan, die nur wenigen bekannt sein dürfte. Sie zeigt, dass Lateinkenntnisse auch heute noch von großem Vorteil sein können.

„Als Papst Benedikt XVI. im Februar 2013 seinen Rücktritt erklärte, tat er das in lateinischer Sprache“, beginnt Dionigi. Der damalige Papst, bürgerlich Joseph Ratzinger aus Marktl in Oberbayern, beherrscht Latein außerordentlich gut. Viele der beim Rücktritt anwesenden Kardinäle sind dieser antiken Sprache hingegen kaum mächtig. „Sie verstanden nicht, was Benedikt ihnen verkündete“, schildert Dionigi. Ein anwesender Mitarbeiter der Nachrichtenagentur ANSA vermochte den lateinischen Ausführungen des amtsmüden Deutschen dagegen sehr wohl zu folgen. Der Journalist sorgte dafür, dass die päpstliche Rücktrittsmeldung schließlich doch noch rasch unters Kirchenvolk gelangte.

Diese kleine Episode verfehlt ihre Wirkung nicht: Fragesteller und Befragter müssen schmunzeln.

Dionigis Insiderwissen kommt auch nicht von ungefähr. Schließlich war der 68-Jährige von Papst Benedikt im Jahr 2012 zum Oberlateiner des Vatikans bestellt worden. Dienstauftrag: das Erbe der lateinischen Sprache in der päpstlichen Akademie zu pflegen und zu fördern.

Dionigi nimmt das bis zum heutigen Tage ernst, das merkt man ihm an. Er holt weit aus und wird richtig leidenschaftlich, um die Bedeutung des Lateinischen auch in moderner Zeit zu veranschaulichen. „Junge Menschen können heute alles sofort im Internet abrufen, ihnen fehlt aber der Blick zurück“, bedauert er. „Wir müssen unsere Geschichte verstehen, um unser kulturelles Erbe bewahren zu können; die lateinischen Schriften der antiken Philosophen helfen dabei.“

Als sich das Smartphone in der Sakkotasche bemerkbar macht, kommt das dem Professor gerade recht. „Schauen Sie: Das Wort ,mobil‘ in Mobiltelefon kommt vom lateinischen ,mobilis‘ – ,beweglich‘. Und das @-Zeichen, das heute jeder wie selbstverständlich bei E-Mail-Adressen verwendet, geht auf die lateinische Präposition ,ad‘ zurück, was ,zu‘, ,an‘ oder ,bei‘ heißt.“

Argumentativ so richtig in Fahrt gekommen, fährt Dionigi gleich ungefragt fort. „Latein ist nicht tot, es hat sich nur verändert“, philosophiert er mit Verweis auf romanische Sprachen wie Französisch, Spanisch oder Portugiesisch, die allesamt eng mit Latein verwandt sind. „Und in Italien sprechen wir mit Italienisch heute eine moderne Form von Latein.“

Immer noch nicht genug der Pro-Argumente? „Auch das Englische besteht zu mehr als 70 Prozent aus Wörtern lateinischen Ursprungs.“

Der aktuelle Papst Franziskus hat sich über die Bedeutung des Lateinischen bisher noch nicht geäußert. „Hoffentlich treffe ich ihn bald“, sagt Dionigi bei der Verabschiedung. Man kann sich lebhaft vorstellen, was er dem Papst zu sagen hätte.

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